WANDERSPLITTER
DATEN
Deutschland 2007

KONZEPT: Thomas Harlan,
Christoph Hübner, Gabriele Voss

REGIE, PRODUKTION & KAMERA:
Christoph Hübner



"Wandersplitter" geraten durch Verletzung in den Körper, sie können sehr schmerzhaft sein und auf Dauer beunruhigend: "Es gibt kaum einen Wandersplitter, von dem man sagen kann, man sei beruhigt, daß er irgendwo ist. Er ist in Ihrem Körper und wandert grundsätzlich auf das Herz zu, damit er Sie umbringt eines Tages." (Thomas Harlan)
DVD 1
Biografische Angaben
THOMAS HARLAN - WANDERSPLITTER
- Eine Geschichte ohne Ich (Moskau 1953)
- Das Kind und die Bande (Berlin 1937-1941)
- Wachsen zwischen zwei Steinen (Berlin 1945)
- Vatermord
- Schuld und Verantwortung (Polen 1959-1963)
Der Film 'Souvenance'
Presseheft mit Texten, Filmographien und einem Interview mit den Filmemachern als ROM-Feature

DVD 2
Biografische Angaben
Der Film 'Torre Bela'
Reise nach Kulmhof / 'Rosa'
Der Film 'Wundkanal'
Anmerkungen zum Roman 'Heldenfriedhof'
Die Organigramme
Am Ararat

THOMAS HARLAN
1929 geboren, 2010 gestorben, war, wie die meisten in dem Alter, ein Nazikind - noch dazu ein privilegiertes, dem Goebbels eine Spielzeugeisenbahn schenkte und das einmal Hitler bei Tisch lauschen durfte. Nach dem verlorenen Krieg wurde Vater Veit Harlan als einziger deutscher Künstler wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" angeklagt. Dessen handwerklich perfekter und hochwirksamer Hetzfilm Jud Süß (1940) war ein psychologischer Wegbereiter des Holocaust. Veit Harlan jedoch wurde in zwei Prozessen freigesprochen - von einem Richter, der ehemals selbst dem NS-Regime gedient und an einem der "Sondergerichte" Todesurteile verhängt hatte. So konnte der Regisseur des "Dritten Reichs" auch in der Bundesrepublik weiterhin Filme drehen; einige seiner Werke finden sich bis heute in den öffentlich-rechtlichen Programmen.
Was tut ein junger Mann, der erkennt, daß sich der heiß geliebte Vater für Propaganda hergegeben und diese gezielte geistige Mobilmachung bis kurz vor seinem Tode niemals kritisch gesehen hat? Was empfindet einer, der miterlebt, wie gut der Zusammenhalt der ehemaligen NS-Eliten auch nach dem Krieg noch funktioniert? Thomas Harlan ging auf die andere Seite, wurde links, kommunistisch und - zur Hälfte durch Zufall, zur Hälfte aus Zwang - zum privaten Verfolger von Kriegsverbrechern. Aus polnischen Archiven lieferte er Beweise gegen rund 2000 NS-Täter, die unbehelligt in Westdeutschland lebten. Beim Stöbern in den Akten, so Harlan, "eröffnete sich ein ganzes Vaterland". Seine Aktivitäten brachten ihm eine Anzeige wegen Landesverrats ein und verschlangen Jahre seines Lebens, bis er irgendwann von selbst diese schreckliche wie schrecklich nötige Arbeit abbrechen musste, "um nicht im Sumpf unterzugehen".
Er reiste viel, hauste mit Klaus Kinski unter Pariser Brücken und fuhr mit falschem Paß nach Israel, er lebte in Künstlerkreisen, schrieb Bücher, Theaterstücke und drehte Filme.
2007, schwerkrank in einem Sanatorium, berichtet Thomas Harlan aus seinem Leben - von seinen Begegnungen mit Hitler, über die Auswirkungen des Faschismus sowohl auf seine Person wie im Allgemeinen. Über die Bürde des Namens, seine Arbeit als Naziverfolger und seine Zeit in der Sowjetunion spannt sich der Bogen seiner höchst persönlichen Betrachtungen, denen er auch gleich eine übergeordnete, erklärende Reflexion folgen läßt, und das, ohne oberlehrerhaft oder gar hyperwissenschaftlich zu wirken.
So entstehen Schlaglichter aus seinem Leben, das er inmitten von lebendiger Geschichte verbracht hat. Es sind "Wandersplitter". Den größten Raum der Doku nehmen die Erlebnisse während der Portugiesischen Revolution in den Siebziger Jahren ein.
Thomas Harlan ist ein grandioser Erzähler. Detailreich, überraschend, faszinierend und spannend sind nur einige Attribute, die man seinen Ausführungen in den 96 Minuten dieser spartanischen Dokumentation anheften kann. Aus 50 Stunden Ausgangsmaterial, einer 20-stündigen Rohfassung und einer fünfstündigen erweiterten Fassung (für die DVD) wurde ein erstaunliches Stück Kino (-Geschichte) gefiltert.